Wert und Wert

Es muss die achte oder neunte Klasse am Gymnasium gewesen sein. Ich war mit vierzehn oder fünfzehn Jahren ein pubertierender Größenwahnsinniger. Thomas und ich wollten eine Zeitmaschine bauen inspiriert durch die unsinnigen Bücher eines Charles Berlitz wie Philadelphia Experiment.  Die Welt steht einem in diesem Alter auf eine Art und Weise offen und ist gleichzeitig auch verschlossen. Bücher von Erich von Däniken und Charles Berlitz sollten für diese Altersgruppe verboten werden. Glücklicherweise hatte ich auch noch Lateinlehrer wie Bodo Weidemann der mir Karl Marx zum Lesen gab. So betrachtet beschäftige ich mich mit Wert schon bald vierzig Jahre Sätze wie „Wir müssen nun zurückkommen auf den Ausdruck „Wert oder Preis der Arbeit“.“ habe ich damals sicherlich ganz anders verstanden als heute. In Maß und Wert schrieb ich ja, dass ich einem Professor dreißig Jahre später antwortete, dass ich es nicht wüsste. Tatsächlich ist die Antwort wahr und falsch zugleich. Vor zehn Jahren bin ich in meinem Wissen mehr oder weniger sprachlos geworden. Nicht weil ich nichts darüber gewusst hätte, sondern eher das Gegenteil davon. Und der Titel Wert und Wert hier muss verwirren. In den Diskussionen darüber wie die beschaffen sei und wie man eine Zeitmaschine bauen könnte, steigerten wir uns in die Physik hinein, wie es vielleicht nur pubertierende Jugendliche können. Die Relativität von Raum und Zeit von Einstein vollkommen missverstehend ernsthaft glaubend, das in die Tat umsetzen zu können. Und plötzlich meinten wir zu Dritt, den Punkt gefunden zu haben, an dem man die Welt aus den Angeln heben könnte.

Warum erzähle ich das, weil Wert eben nicht gleich Wert ist. Ich habe das Büchlein von Wittgenstein ganz anders gelesen und verstanden als Richard David Precht. Ich habe den Tractatus auch nie als Sackgasse verstanden wie Precht auf Seite 118 von „Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ schreibt. Wittgensteins Gedanken erklären immerhin für meine Begriffe, warum die Definition von Äther schon erklärt, warum der Äther niemals gefunden werden kann. Und möglicherweise ist manches wissenschaftliche Problem nur darauf zurückzuführen, dass wir einen falschen Begriff davon haben. Es ist nun leider nicht alles ausdrückbar. Und wenn die Geschichte der Wissenschaft eines zeigt, dann dass neues Wissen auch mit neuen Worten einhergeht. Was hätte Kant mit dem Wort Quant anfangen sollen?

Wenn ich heute sage, wir leben in einer Quantenwelt, dann kann ich dank Harald Lesch davon ausgehen, dass ein Großteil der Leser weiß, was damit gemeint ist, aber Kant hätte mit diesem Begriff gar nichts anfangen können. Diese Äußerung ist gleichzeitig auch ein Bekenntnis zu einem ganzen Wertesystem, sodass jedem Leser sofort klar ist, warum ich jenen Amerikaner der mit einer Rakete beweisen will, dass die Erde flach ist, für einen Trottel halte, doch in seinem biblischen Wertesystem von vor fünftausend Jahren scheint es für diesen Amerikaner wohl ein vernünftiger Zug.

Doch weil unsere Erkenntnis bei Weitem nicht alles erklären können, bleibt viel Raum für diverse Erfolgsrezepte wie jenem Wünschelrutengänger, der mit seinem Unternehmen gegen Geldzürückgarantie Brunnen bohrt. Vermutlich hat der Mann nur unglaublich viel Erfahrung im Unterbewusstsein gespeichert, wo Wasser gefunden werden kann und macht sich sein Unterbewußtsein nur über die Wünschelrute zugänglich wie das Pferd namens kluger Hans, das rechnen konnte, aber nur weil es den Pferdebesitzer lesen konnte.  Der Glaube versetzt da tatsächlich Berge. Das Placebo kann ja auch etwas bewirken.

Das wirklich Traurige an jenem Amerikaner, der mit einer Rakete die Flachheit der Erde beweisen will, ist, dass selbst wenn er sich alle Erkenntnisse dieser Welt angeeignet hätte, er feststellen müsste, dass da noch so irrsinnig viel bleibt, an dass man glauben muss. Ein Menschenleben langt nicht aus um alle Erkenntnisse zu überprüfen. Und wenn wir zum Wert kommen, dann wird er uns schon in die Wiege gelegt. Wir sind in ein Wertesystem hineingeboren. Es lässt sich als Einzelner auch gar nicht ändern. Das die Kinder von Karl Marx verhungert sind, halte ich dabei für keinen Zufall. Vermutlich machen sich gerade diejenigen, die am meisten unter dem jeweiligen Wertesystem zu leiden haben, mehr Gedanken darüber, als jene, denen es unter dem Wertesystem gut geht.

Da wir gerade auf Weihnachten zugehen, darf an den pilgernden Philosophen und Denker Jeshua von Nazareth erinnert werden. Wahrscheinlich ist kein Philosoph so missbraucht worden wie er. Bezeichnend auch, dass er ebenso wie Sokrates von dritter Hand überliefert ist. Tatsächlich könnte man sagen Marx hat beim Wert der Arbeit von Jeshua teilweise abgeschrieben. „Der Arbeiter ist wert seiner Zehr“ (Neues Testament nach Fridolin Stier Mt. 10,10)

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass viele Namen die im Munde geführt werden, gar nicht gelesen werden. Beim Tractatus wäre es nicht wirklich schwer, wobei natürlich der Inhalt um so schwerer wiegt, aber das Original zu lesen statt die fünfzigtausend Interpretationen, könnte jedem gelingen, der Deutsch lesen kann. Bei Immanuel Kant schaut das leider schon anders aus. Ich habe mich dreimal durch Kritik der reinen Vernunft durchgequält und halte ihn immer noch für eine Qual. Popper ist lesbar aber irgendwie langweilig und trivial, ich persönlich halte ihn für total überschätzt. Das ist dann halt mein Wertesystem und meine Meinung ist garantiert falsch. Es ist nur für mich wahr. Was Werte anbelangt halte ich Hannah Arendt für grundlegend. Doch die in den Menschenrechten formulierten Werte sind ja heutzutage nur noch im Mund geführt wie Jeshua aber kein Gegenstand der praktischen Politik.

Ich vermute, dass Worte mit ihrem Gebrauch ihren Wert verlieren. Das Axiom ist ja eigentlich der Wert, aber eben heute Gegenstand der Logik und Mathematik, wobei die Logik ja eigentlich das Wort ist. Freges Grammatik ist sozusagen nur ein billiger Abklatsch unserer natürlichen Grammatik. Und selbst wenn wir Sprache vollkommen in mathematischen Strukturen so beschreiben könnten, dass alle Sprachen in alle anderen Sprachen beliebig übersetzt werden könnten, würde der Interpret immer noch fehlen. Das mag schon an value und worth deutlich werden, die beides Wert bedeuten. Nicht umsonst wandert dann die Gestalt in Form der Gestalttherapie in das Englische.

Unsere Sprache ist bereits wertegebend, dass Zwitter nicht nur lange kein Existenzrecht hatten und in Mann und Frau sogar chirurgisch geformt wurden, sondern jede Ansprache die mit „Sehr geehrte Damen und Herren,“ beginnt, sie nicht kennt. Es genügt nicht nur davon zu wissen, sondern dieses Wissen ist erst dann wirklich angekommen, wenn es eine sprachliche Repräsentanz kennt. Genauso wäre das menschliche Existenzrecht nur vollkommen anerkannt, wenn es sowas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe. Werte sind nicht einfach so. Werte sind Entscheidungen. Werte sind auch kein Gegenstand hohler Predigen. Und Werte werden schon gar nicht mehr an Universitäten unterrichtet. Werte sind da eher nur noch ein Zahlenwert und Zuordnungspaare zu Realitäten. Das wir uns zum Teil aber diese Wirklichkeit in unserer Sprache auch selbst erschaffen und damit auch uns selbst gestalten, vermute ich, ist auch an Universitäten nicht verstanden. Wert und Wert sind also verschieden, das hängt von der Perspektive und von dem Verständnis ab. Der Artikel hat schon wieder über tausend Worte, also ab zum nächsten Artikel.

Sprache setzt Werte.
Werte sind Entscheidungen.