Was soll das

„Was soll das?“ – Ein Manifest des Unangepassten

Mit 13 Jahren habe ich eine „langweilige Geschichte“ geschrieben.

Ich habe sie nicht aus Faulheit oder Ahnungslosigkeit so verfasst, sondern weil ich felsenfest davon überzeugt war, dass Langeweile in der Weltliteratur schlichtweg unterrepräsentiert ist. Ich wollte keinen Bestseller schreiben. Ich wollte eine Regel brechen, die ich selbst noch gar nicht richtig verstand.

Mein Deutschlehrer starrte auf das Papier, sah mich an und fragte: „Was soll das?“

Er stellte diese Frage, weil er ein Produkt erwartet hatte. Eine Geschichte, die den üblichen Dramaturgien folgt, die funktioniert, die gefällt und die man sauber benoten kann. Ich hatte ihm stattdessen ein Konzept hingeknallt. Ein Anti-Produkt. Ein radikales „Ich mach das jetzt so, weil ich wissen will, was passiert.“

Dieser Moment war der Schlüssel zu allem. Denn im Grunde bin ich genau das bis heute geblieben: Ein wandelndes „Was soll das?“.

Die Beweisführung

Die meisten Menschen suchen nach rotem Faden, Verwertbarkeit und einer gradlinigen Biografie. Mein Leben hingegen sieht für Außenstehende eher aus wie eine Ansammlung von Experimenten, die sich jeder Marktlogik verweigern:

  • Mehr als 30 verschiedene Arbeitgeber – 28 davon vor dem 30. Lebensjahr. Nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil jedes System irgendwann durchschaut war und der Erkenntnisgewinn abnahm.
  • Eine eigene Partei & Demonstrationen12 – nicht aus Machtkalkül, sondern um herauszufinden, wie politische Strukturen von innen aussehen und was passiert, wenn man sie beim Wort nimmt.
  • 500+ komponierte Musikstücke – nicht für Spotify-Playlists oder den Durchbruch, sondern schlichtweg aus der Neugier, wie sich 500 eigene Stücke im Raum anhören.
  • Ein Buch für 19,65 € – ein Preis, der sich nicht an Angebot und Nachfrage orientiert, sondern an meinem Geburtsjahr. Ein Experiment, was passiert, wenn man Preise persönlich statt ökonomisch gestaltet.
  • Der Auftritt auf ARD alpha – von dem selbst enge Weggefährten erst im Nachhinein erfuhren, weil ich keine PR-Maschinerie bediene.
  • Der unregelmäßige VG-Wort-Scheck – der Beleg dafür, dass ab und zu doch etwas im System hängenbleibt – auch wenn das nie das Primärziel war.

Es gibt Menschen, mit denen ich jahrelang Seite an Seite gekämpft habe. Als wir uns Jahre später trafen, sagte einer von ihnen: „Das war ja ein richtig gutes Interview auf ARD alpha.“ Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Wir hatten jahrelang gemeinsam für eine Sache gekämpft, und er wusste nicht einmal, dass ich im Fernsehen war.

Meine Soziologie-Kollegen wissen nicht, was ich auf GitHub treibe. Die Germanistikstudenten wissen nichts von der Musik. Die Welt will ein geordnetes Werkverzeichnis, einen klaren Wikipedia-Artikel, eine Schublade. Sie will ein Produkt. Aber ich bin kein Produkt. Ich bin ein Prozess.

Und Prozesse kann man nicht benoten.

Das Fazit

Wenn die Welt auf mein Leben blickt und wieder einmal fragt: „Was soll das?“, dann lautet die einzige ehrliche Antwort:

Es soll gar nichts. Es ist einfach.

Es ist die sture Weigerung, mich in das Narrativ der Erfolgsgesellschaft zu fügen. Es ist die Weigerung, die „langweilige Geschichte“ so zu schreiben, wie sie mein Deutschlehrer damals erwartet hätte.

Ich könnte darüber lachen. Ich könnte darüber weinen.

Aber ich entscheide mich für die dritte Option: Ich mache einfach weiter.

Nicht für die Anerkennung. Nicht für das Geld. Nicht für einen Wikipedia-Artikel. Sondern weil ich vor all den Jahren beschlossen habe, dass diese Welt Raum für unfertige, eigenwillige und unverzweckte Geschichten braucht. Und weil ich der Einzige bin, der meine schreiben kann.


  1. Vgl. saveyourinternet.de – nach damaligem Kenntnisstand die größte Demonstration in München, die ich mitorganisiert habe. ↩
  2. Vgl. Bündnis Grundeinkommen gegründet – ein Blogartikel, der über zehn Jahre Kontinuität im politischen Engagement dokumentiert. ↩

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