Wille und Unwille

Maß und Wert sind zur Beliebigkeit verkommen. Ohne Wert haben wir kein Maß. Ohne Maß haben wir keinen Wert. Eine Quantität ist ohne Qualität nicht bestimmbar. Eine Qualität ist ohne Quantität nicht bestimmbar. Haben ist ohne Sein nichts. Ohne Wille ist Sein und Nichts gleich.

Wikipedia behauptet „Der Wille beschreibt das Umsetzen von Vorstellungen in die Realität durch Handlungen.“, wenn ich nicht handle und nichts umsetze, dann hätte ich demzufolge keinen Willen in der Realität. Keine Vorstellung zu haben, würde das Lebewesen zu einem willenlosen Objekt machen. Es bedarf aber keiner Handlung um einen Lebenswillen zu haben. Der Unwille zu leben bedarf erst recht keiner Handlung. Es darf bezweifelt werden, dass der aus dem Mutterleib geworfene Mensch, die Vorstellung zu Atmen entwickelt und die Handlung Atmen aufgrund dieser Vorstellung umsetzt. Noch absurder wäre es, zu behaupten, die Bakterie, die keinen Nährboden fand, hatte keinen Lebenswillen.

Wenn ich also sage, dass ohne Wille Sein und Nichts gleich sei, dann meine ich den menschlichen Willen und das menschliche Sein. Wir vegetieren, wenn wir keinen Willen mehr haben und das Sein, die Existenz wird bestimmt durch den Nährboden, den die Bakterie findet oder nicht findet. Der Unwille sich Schmerzen zuzufügen, kann davon bestimmt sein, ob jemand Langeweile empfindet oder nicht. Tatsächlich gibt es Versuchsreihen dazu, dass Menschen den Schmerz der Langeweile vorziehen. Die Handlung resultiert also dabei aus einem Wertesystem. Es gibt dabei Werte, die sollten aus menschlicher Perspektive unverhandelbar sein. Die Werte werden aber nicht gemessen oder veranschlagt. Der Wille zu atmen und damit zu überleben könnte man mit 2,25 Millionen Euro pro Tag und Mensch veranschlagen, soviel in etwa kostet ein Tag auf der ISS ohne Transport pro Mensch. Wenn ein Arbeitgeber sich nun der Produktivität eines anderen Menschen auf der Erde bedienen will, dann müsste er für die Erdraumschiffkosten (wenn wir den Planeten mal als großes Raumschiff betrachten)  einen Stundenlohn von 93.750 Euro bezahlen. Der Wille geschweige denn der Wille der Politik sowas auch nur anzudenken, dürfte nicht vorhanden sein. Was wir wie bewerten und welches Maß wir ansetzen hat also nichts mit physikalischen objektiven Gegebenheiten zu tun, sondern nur etwas damit, was wir bewerten wollen und was wir zumessen. Das kann eben auch bedeuten, dass wir uns in Langeweile gezwungen, selbst Schmerz zufügen um der Langeweile zu entkommen.

Der Wille oder der Unwille entsteht aus dem Wertesystem.

Das Maß entspricht dem Willen oder Unwillen.

Der Unwille ist hierbei nur die negative Entscheidung etwas zu wollen und ebenso ein Wille.

Nur haben wir als Menschheit gar keinen Willen mehr, wir sind mehr oder weniger Getriebene diverser Prozesse, weil wir uns von den Grundwerten verabschiedet haben. Selbstverständlich hat der Einzelne seine Werte aus denen heraus er lebt. Eine optimale, dem Menschen genehme, Atmosphäre ist ein verhandelbares Gut geworden. Selbst wenn hinterher die Maschinen untereinander Handel betreiben können und immer mehr Geld erwirtschaften, ist das aus menschlicher Sicht einfach nur noch idiotisch und unsäglich dumm. Der Wille, immer mehr Geld zu verdienen, ist ohne Wert und als solches maßlos. Eine Politik, die sich ihr handeln von diesen Maßlosigkeiten diktieren lässt, ist gar keine Politik, sondern nur noch ein vegetieren einer Bakterie gleich, die ständig nach neuen Nährböden sucht.

Es scheint mir fast so, als ob die Menschheit keinen Lebenswillen mehr hätte, sondern dass sie sich bewegt wie flußaufwärts schwimmende Lachse ,um die Basis für eine Maschinenwelt zu legen, um dann zu sterben. Irgendeine künstliche Intelligenz kann dann eines Tages ein Denkmal setzen: „Wir danken der Menschheit für die Schaffung unserer Existenz.“ Der Unwille in der Gier nach Geld, sich dem entgegenzustellen ist täglich verspürbar.  Probleme, die vor dreihundert Jahren noch überlebenswichtig waren, sind heute gelöst und sicherlich könnten wir sie auch weltweit lösen, wenn da nicht die Gier nach Gütern wäre, die für unser Überleben gar keine Rolle spielen. Weder Gold noch Diamanten können wir atmen, essen und darin wohnen. Der Wille sich geistig fortzuentwickeln ist unterrepräsentiert. Es wird alles nur noch in physikalische Werten angegeben, die eigentlich nur Maße sind und keine Werte beinhalten. Wer bestreitet, dass atembare Luft, ein für den Menschen ein essentieller Wert ist, der soll ich doch ohne Raumanzug auf den Mond begeben und dort weiterforschen. Es gibt Grundwerte der menschlichen Existenz, die eigentlich nicht begründbar sein müssten, dass sie überhaupt begründet werden müssen, zeigt unsere moralische und seelische Verkommenheit.

Jene, die den Willen haben, die Menschheit fortzuentwickeln unterliegen heutzutage gegen die wirtschaftlichen Subjekten, die willenlos den Nährböden folgen und wenn sie mit Braunkohle ganze Landschaften zerstören und mit Diamantenminen Riesenlöcher graben, dass nennen sie dann Wirtschaften, hat aber eigentlich mit Wirtschaft überhaupt nichts mehr zu tun. Wirtschaft wäre die menschliche Tätigkeit gewesen, die menschlichen Bedürfnisse auf optimale Weise für alle Menschen zu befriedigen. Stattdessen haben wir ein ominösen Prozess, der sich Wirtschaft nennt und die willenlose Befriedung Bedürfnisse Einzelner ist.

Was als Sachzwänge bezeichnet wird, ist der Unwille etwas zu tun oder zu ändern. Hierbei ist der Unwille etwas zu tun nicht identisch mit dem Willen etwas nicht zu tun. Der Unwille ist die Ablehnung des Willens. Das kann aber muss nicht der Negation des Willens entsprechen. Der einzelne Politiker wie auch der einzelne Wirtschaftsangehörige bezahlt das ja nicht mit seinem Leben. Das die Rechnung erst in zwei- bis dreihundert Jahren zu bezahlen ist, kann diesen einzelnen Individuen egal sein. Hatten die europäisch im Mittelalter herrschende Kirche noch den moralischen Zwang ausgeübt, gibt es eine solche Instanz heutzutage nicht. Es gibt nur noch eine Markt der Meinungen und dann ist der Braunkohleabbau im eigenen Interesse halt weniger wert, als das Wohnhaus auf demselben Acker. Nun im Mittelalter hätte man den Ackerbewohner wahrscheinlich als Hexe verbrannt, wenn er oder sie im Weg stand, sicherlich auch nicht besser.

„Der Wille beschreibt das Umsetzen von Vorstellungen in die Realität durch Handlungen.“, würde demzufolge bedeuten, der Ackerbewohner der von dem Braunkohlekonzern vertrieben wird, hätte den Willen dort nicht mehr zu wohnen. Wir könnten ihn befragen, aber jeder vernünftige Mensch weiß bereits, dass es nicht sein Wille ist, dem Konzern zu weichen. Der Wille entsteht durch Abwägungen von Werten.  Die Werte sind hierbei auch durch physikalische Prozesse determiniert. Zum Beispiel ein Mensch der keine Luft zu atmen hat, wird soweit er denn den Willen zum Weiterleben hat, sich zunächst mal um Atemluft kümmern.  Zum Beispiel in einem gesunkenen U-Boot wird sich die Mannschaft um die Atemluft kümmern, selbst wenn sie noch physikalisch Atmen kann. Werte ohne Menschen sind wertlos, es gibt keine Werte ohne den Menschen. Oh ja sehe schon wieder Physiker vor meinem geistigen Auge Veitstänze aufführen, aber alle eure Messwerte sind Mumpitz, wenn es keine Menschen mehr gibt.

Ja, ich weiß, dass diese Beschreibung von Wille, nicht dem alltäglichen Umgang entspricht. Doch das Maßproblem ist auch ein Willensproblem. Ob nun ein Gegenstand wie Schokolade mehr Wert ist als ein Kaugummi, hängt nicht alleine von den Produktionskosten ab. Tatsächlich würde bei gleichem Preis immer noch die Entscheidung anstehen, was ich mir als erstes in den Mund schiebe oder keins von beidem. Dieser Wille würde aber automatisch auch auf den Preis zurückschlagen. Eine willenlose Wirtschaft, die keinerlei Vorgaben mehr erhält, was wir wirklich wollen, ist keine Wirtschaft mehr. Es ist eine Vermehrung einer Bakterie gleich, die auf lange Sicht nur zur Abschaffung der Menschheit führen kann. Marx irrte sich, dass der Kapitalismus sich überleben würde, der Kapitalismus überlebt auf diese Art die Menschheit. Womit Marx natürlich dann doch Recht hätte, er hatte nur nicht auf der Rechnung, dass das System, das sich selbst überlebt, auch der Mensch selbst sein könnte.

Der Unwille gegen die Vernichtung etwas zu unternehmen, ist dabei irgendwie erstaunlich. Hinterher hat der Mensch gar keinen Willen. Es erscheint ihm dann nur so, dass er einen Willen hätte.

Der Wille oder der Unwille entsteht aus dem Wertesystem.

Das Maß entscheidet über Willen oder Unwillen.

Ohne Wert ist kein Maß.