Der Preis und der Wert

Warum der Wirtschaftsnobelpreis 2026 eine Theorie ehrt, die nicht weiß, was sie misst

Als die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften im Oktober 2026 bekanntgab, dass Robert E. Hall und Michael Woodford den Preis für Wirtschaftswissenschaften erhalten, war die Laudatio schnell gesprochen: Die beiden Ökonomen hätten die mikroökonomischen Grundlagen der makroökonomischen Stabilisierung erforscht. Sie hätten gezeigt, wie Zentralbanken durch Zinspolitik und Kommunikation Inflation und Konjunktur steuern können. Der Preis ehrt ein Paradigma, das die Geldpolitik der letzten dreißig Jahre geprägt hat wie kein zweites.[1]

Doch was wird da eigentlich gefeiert?

Woodfords Hauptwerk Interest and Prices (2003) gilt als Bibel der modernen Geldtheorie.[2] Es erklärt, wie Zentralbanken über Zinsen und Erwartungen das Preisniveau stabilisieren. Es setzt dabei voraus, dass es einen funktionierenden Staat, glaubwürdige Institutionen und ein stabiles Finanzsystem gibt. Es setzt aber noch etwas anderes voraus: dass Geld einen Wert hat, dass Preise etwas messen, dass der Mensch ein rationaler Maximierer ist. Kurz: Es setzt genau das voraus, was es eigentlich erklären müsste.

Die Ökonomie misst, was sie nicht kennt

Der Wirtschaftsnobelpreis ist kein echter Nobelpreis. Er wurde 1968 von der schwedischen Reichsbank gestiftet und wird seitdem von derselben Akademie vergeben, die auch die naturwissenschaftlichen Preise verleiht.[3] Er ist der Preis einer Zentralbank für orthodoxe Wirtschaftsforschung. Das erklärt, warum dort fast ausschließlich mathematische, gleichgewichtsorientierte und politikberatende Ansätze geehrt werden. Wer die Grundlagen in Frage stellt, hat keine Chance.

Dabei ist die Grundlagenkrise offensichtlich. Die Ökonomie operiert mit Begriffen wie „Wert“, „Nutzen“, „Preis“ und „Kapital“, als handele es sich um naturwissenschaftlich definierte Größen. Das sind sie nicht. Seit über 200 Jahren konkurrieren verschiedene Werttheorien – Arbeitswert, Grenznutzen, subjektive Präferenz, soziale Konvention –, ohne dass eine sich durchgesetzt hätte. Die moderne Makroökonomie umgeht dieses Problem, indem sie die Wertfrage schlicht ausklammert. Sie fragt nicht: Was ist Wert?, sondern: Wie bewegen sich Preise, Zinsen und Erwartungen? Das ist methodisch verständlich, aber es ist keine Theorie des Werts. Es ist eine Physik der Preisbewegungen ohne Ontologie.

Der Philosoph und Ökonom Arnold Schiller hat das in seinem Text Wert und Maß auf den Punkt gebracht: „Ohne Wert haben wir kein Maß. Ohne Maß haben wir keinen Wert.“[4] Wert und Maß sind untrennbar verschränkt. Man kann nicht messen, ohne zu wissen, was man misst. Die Ökonomie tut genau das. Sie misst Preise, Löhne und Wachstum – und führt sie als objektive Fakten im Schilde. Dabei sind sie politische, moralische und historische Setzungen. Wer misst, setzt Werte – ob er will oder nicht.

0,5 Menschen gibt es nicht

Das bleibt nicht ohne Folgen: Die Ökonomie flüchtet sich in mathematische Aggregate und konstruiert den „repräsentativen Haushalt“ – eine methodische Fiktion, die das Individuum glattbügelt. Der Mensch ist jedoch unteilbar. Man kann ihn nicht halbieren, ohne dass das Entscheidende verloren geht: die Qualität. Eine Bevölkerung ist keine bloße Summe von Rechnereinheiten, sondern ein komplexes Gefüge. Wenn die Ökonomie den Nutzen eines Einzelnen einfach mit der Bevölkerungszahl multipliziert, rechnet sie nicht mehr mit Menschen, sondern mit abstrakten Phantomgrößen.

Dazu kommt das Messproblem. In der Quantentheorie weiß man seit über hundert Jahren, dass Messen kein neutraler Akt ist.[5] Der Beobachter verändert das System. In der Ökonomie gilt das umso mehr: Wenn Ökonomen Modelle entwerfen, verändern sie das Verhalten der Marktteilnehmer. Die Wirtschaft ist kein lebloses Elektron, das stumm seinen Bahnen folgt; sie ist ein reflexives System. Wer das ignoriert, produziert Zahlen, die formal korrekt, aber inhaltlich blind sind.

Scheindebatten statt Wertentscheidungen

Weil die Disziplin ihre eigenen Grundlagen ausblendet, wiederholen sich ihre Debatten seit Jahrzehnten im Kreis. Ein Paradebeispiel dafür ist die Diskussion um die Kernenergie. 1980 war eine Befürwortung der Kernkraft eine durchaus nachvollziehbare Position: Photovoltaik war teuer, ineffizient und kaum skalierbar. Wer dekarbonisieren wollte, hatte kaum Alternativen. Heute ist neue Kernkraft in den meisten westlichen Ländern ökonomisch kaum noch zu rechtfertigen; Solar- und Windenergie sind um ein Vielfaches günstiger.[6]

Dennoch wird dieselbe Diskussion wie vor vierzig Jahren geführt – als handele es sich um eine reine Rechenaufgabe. In Wahrheit geht es längst nicht mehr um Zahlen, sondern um fundamentale Wertkonflikte: Zentralismus versus Dezentralität, staatliche Großtechnologie versus Markt, Risikobereitschaft versus Vorsorgeprinzip. Die Ökonomie kann diesen Konflikt nicht lösen, weil sie sich weigert, normative Ziele zu definieren. Sie misst immer wieder dasselbe, ohne zu klären, was gemessen werden soll.

Der Zweck des Wirtschaftens

Dabei ist die Grundfrage denkbar einfach: Wozu wirtschaften wir überhaupt? „Wirtschaften“ geht etymologisch auf das Sorgen, Beherbergen und Verpflegen der Hausgemeinschaft zurück. Eine Ökonomie, die den Planeten zerstört und die eigenen Lebensgrundlagen untergräbt, verdient ihren Namen nicht. Ein echter Fortschritt wäre es bereits, den Begriff der „wirtschaftlichen Gründe“ zu entzaubern und offenzulegen, welche moralischen Setzungen sich dahinter verbergen. Sobald der Zweck des Wirtschaftens klar formuliert wird, zeigt sich: Erfolgskennzahlen sind kein Selbstzweck.

Doch wer bestimmt diesen Zweck? Das ist keine wissenschaftliche, sondern eine politische Frage. Die Ökonomie kann sie nicht beantworten – nicht weil sie zu wenig weiß, sondern weil sie die falsche Frage stellt. Sie fragt stets nach dem Wie, nie nach dem Was. Und das Was setzt sie stillschweigend voraus.

Das Sprachspiel der Geschichte

Man könnte einwenden, dass sich die Dinge am Ende von selbst richten und die Geschichte das finale Urteil fällt. Doch die Geschichte urteilt nicht nach objektiven Maßstäben; sie bewertet immer wieder neu, mit wechselnden Kriterien und Begriffen. Genauso wie sich historische Urteile verändern – Napoleon schrieb seine Geschichte selbst, und heutige Kategorien wie „Genozid“ verändern rückwirkend den Blick auf den Dritten Punischen Krieg –, wandeln sich auch ökonomische Kennzahlen.[7] Sie sind keine zeitlosen Naturgesetze, sondern Produkte eines zeitgebundenen Sprachspiels.

Ludwig Wittgenstein schrieb einst: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“[8] Die Ökonomie hält sich nicht daran. Sie redet unentwegt weiter. Sie baut Modelle, ermittelt Preise und erstellt Prognosen. Aber über das, worauf es ankommt – den Wert, den Zweck, den Menschen –, schweigt sie systematisch.

Der Wirtschaftsnobelpreis 2026 ehrt diese beredte Sprachlosigkeit. Er ehrt eine Theorie, die hervorragend funktioniert, solange alle an die Fiktion glauben – und die verstummt, sobald nach dem eigentlichen Wert gefragt wird. Der Kaiser ist nackt, doch die Disziplin schneiderte ihm erneut ein Gewand aus reinen Zahlen.


Anmerkungen

  1. Offizieller Name: Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel. Gestiftet 1968 von der Schwedischen Reichsbank anlässlich ihres 300-jährigen Bestehens, seit 1969 verliehen. ↩
  2. Michael Woodford, Interest and Prices: Foundations of a Theory of Monetary Policy, Princeton University Press, 2003. Das Buch gilt als Standardwerk der neukeynesianischen Geldtheorie. ↩
  3. Die Vergabe erfolgt durch die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften, die auch die Preise für Physik und Chemie vergibt. ↩
  4. Arnold Schiller, Wert und Maß, abrufbar unter: arnold-schiller.de/WertundMass.pdf. Der Text ist die Urfassung; die spätere Darstellung Wert und Nichtwert geht darauf zurück. ↩
  5. Gemeint ist die Heisenbergsche Unschärferelation (1927) sowie das Bohr sche Komplementaritätsprinzip: Ort und Impuls eines Teilchens können nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt werden. ↩
  6. Vgl. die Stromgestehungskosten (LCOE) von Photovoltaik und Windkraft im Vergleich zu neuen Kernkraftwerken wie Hinkley Point C (UK), Flamanville 3 (FR) oder Vogtle (USA), die alle erheblich über Budget und Zeitplan liegen. ↩
  7. Die Bezeichnung des Dritten Punischen Krieges (149–146 v. Chr.) als „Genozid“ ist eine neuere Zuschreibung. Die Vernichtung Karthagos und die Versklavung der Bevölkerung werden heute mit diesem Begriff belegt, der erst 1944 von Raphael Lemkin geprägt wurde. ↩
  8. Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, Satz 7: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ ↩