Wenn Wörter Schuld verschieben – von den „Altparteien“ zur „Flüchtlingskrise“
Es gibt Momente, die bleiben hängen. Nicht wegen ihrer Lautstärke, sondern wegen ihrer Selbstverständlichkeit. Katharina Nocun beschrieb am 19. September 2026 auf Bluesky so einen Moment. Sie habe gerade ein Interview gelesen, in dem der Interviewer das Wort „Altparteien“ benutzte – unironisch und ohne Anführungszeichen. Ihre Reaktion: „Uff, warum?“1 Dieses „Uff“ ist mehr als ein Seufzer. Es ist der leise Protest gegen eine Sprachverschiebung, die längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Was das Wort tut
„Altparteien“ klingt nach einer neutralen Beschreibung. Ist es aber nicht. Die Siegener Forschungsgruppe Diskursmonitor ordnet „Altpartei“ als Stigmawort ein – ein Ausdruck, dessen Hauptzweck die Herabsetzung ist.2 Der Begriff leistet dabei zweierlei: Er verschmilzt sehr unterschiedliche Parteien zu einem einzigen Block – ob Regierung oder Opposition, ob konservativ oder links, alles wird zu einem amorphen „Kartell“. Und er bedient das populistische Grundschema, das ein „einheitliches Volk“ einer „abgehobenen Elite“ gegenüberstellt, die als verbraucht, träge und von „den Menschen“ entfremdet dargestellt wird.
Die grüne Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke bringt es auf den Punkt: Das Wort ersetzt sachliche Kritik durch ein Schlagwort und zielt nicht auf einzelne Entscheidungen, sondern auf die Legitimität des parlamentarischen Systems selbst.3 Wer „Altparteien“ sagt, meint nicht die Politik, sondern die Parteien. Wer „Altparteien“ sagt, meint nicht einzelne Fehler, sondern das System. Und wer „Altparteien“ sagt, gibt sich als Populist zu erkennen – oder macht sich verdächtig.
Die Ironie
Das Wort ist keine Erfindung der AfD. Es war schon in den 1970er Jahren im Umfeld der aufkommenden Grünen gebräuchlich, später nutzten es auch Linkspartei und Piraten.4 Wie immer, wenn neue Kräfte Unzufriedenheit mit den Etablierten bündeln wollten, war es attraktiv. Erst mit dem Aufstieg der AfD, so der Wortforscher Matthias Heine, wanderte es nach rechts. Heute gilt es als ihr Parteibegriff.
Die Ironie liegt in der Relativität des „Alten“. Gemeint sind meist Parteien, die schon vor 1990 die Bundesrepublik prägten. Die AfD wurde 2013 gegründet, sitzt seit 2017 im Bundestag und ist im aktuellen Bundestag die jüngste Partei. Die Grünen entstanden 1980, die Linke 2007.5 Die selbsternannte „Alternative“ ist also gerade keine „Altpartei“ im Sinne des Begriffs. Das Alter sagt hier wenig. Das Etikett beschreibt vor allem den Standpunkt des Sprechers: Wer sich als Herausforderer inszeniert, macht alle anderen zu „Alten“. Der Diskursmonitor bestätigt diese Analyse: Als „Altparteien“ werden tendenziell alle Parteien zusammengefasst, die zum Zeitpunkt des Sprechens schon länger im politischen Betrieb etabliert sind.6
Der Mechanismus
Wie wird ein Kampfbegriff salonfähig? Durch Wiederholung. Die AfD praktiziert das mit „Remigration“ – ein Kern von rund 15 Bundestagsabgeordneten treibt den Begriff besonders hartnäckig voran, während AfD-Abgeordnete insgesamt ihn mehr als jeden zweiten Tag posten. Eine CORRECTIV-Analyse von über 1.100 Social-Media-Beiträgen belegt diesen Mechanismus.7 Bei „Altparteien“ ist es ähnlich: Dass ein Interviewer den Begriff ohne Distanzierung benutzte, ist bemerkenswert, gerade weil er in der Presse sonst eher gemieden wird. Was oft genug wiederholt wird, klingt irgendwann neutral. Was neutral klingt, wird übernommen. Und was übernommen wird, verschiebt den Korridor des Sagbaren.
Die Parallele: „Flüchtlingskrise“
Der Begriff „Flüchtlingskrise“ tut dasselbe. Er wirkt präzise. Er legt aber nahe, die Krise gehe von den Flüchtlingen aus. Betrachtet man die Zahlen, ist das nur ein Teil des Bildes – und der kleinere.
2015 wurden 476.649 Asylanträge erfasst, 2016 dann 745.545, der höchste Wert seit Bestehen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).8 Der Rekord 2016 hat auch mit Rückstau zu tun: Anträge, die 2015 nicht gestellt werden konnten, wurden nachgeholt. Die Zahl der anhängigen Verfahren stieg von 169.166 Ende 2014 auf 364.664 Ende 2015 und 433.719 Ende 2016. Die Antragszahlen hatten sich zudem schon von 2008 (28.018) bis 2014 (202.834) mehr als versiebenfacht. Die Warnzeichen waren also lange sichtbar.9
Mitte September 2015 trat BAMF-Präsident Manfred Schmidt zurück, und der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, übernahm zusätzlich die Leitung.10 Zwei Mitglieder des Nationalen Normenkontrollrats beschrieben die Lage schon 2016 als Verwaltungskrise: Die Behörden wurden überrollt, viele Menschen wurden nicht vollständig registriert, und ohne Amtshilfe von Bundeswehr, THW, Katastrophenschutz und Hilfsorganisationen wäre die Lage nicht zu bewältigen gewesen.11
Die Parallele: In beiden Fällen ersetzt ein Etikett die Frage nach konkreten Ursachen. „Altparteien“ macht aus verschiedenen Parteien und Entscheidungen einen Block, der pauschal als verbraucht gilt. „Flüchtlingskrise“ legt nahe, die Menschen seien das Problem, statt nach Vorbereitung, Zuständigkeiten und Verfahren zu fragen.
Was daraus folgt
Dass es auch eine Verwaltungskrise war, heißt nicht, dass es nur eine war. Die Größenordnung – nach bereinigten Registrierungen gut 890.000 Menschen im Jahr 2015 –, das Scheitern des Dublin-Systems und die fehlende europäische Solidarität gehörten ebenfalls dazu.12 Der Vergleich mit den rund 12 Millionen Vertriebenen nach 1945 taugt für die Größenordnung, aber nur begrenzt für mehr: Die damaligen Umstände und der Status der Menschen waren andere, und die Integration verlief lange konfliktreich.
Der Begriff „Flüchtlingskrise“ ist nicht das Werk einer einzelnen Partei. Er wurde quer durch die Medien und die Politik zum Standard, gerade weil er bequem ist. Das macht ihn nicht weniger folgenreich: Er lenkt den Blick auf die Menschen statt auf Strukturen, Vorbereitung und Zuständigkeiten. Wer stattdessen von einer Krise der Verwaltung, der politischen Vorsorge und der europäischen Koordination spricht, landet bei anderen Fragen: Wie viel Personal braucht eine Behörde, die mit schwankenden Zahlen rechnen muss? Wie schnell können Verfahren sein? Wer koordiniert wen?
Der Appell
Das „Uff“ ist ein Anfang. Der nächste Schritt ist die Nachfrage: „Welche Krise meinst du genau?“ Und: „Warum nennst du sie so?“ Wer Begriffe unreflektiert übernimmt, macht sich zum Sprachrohr anderer. Die Sprache ist kein neutrales Werkzeug. Sie ist ein Schlachtfeld. Und wir alle stehen mittendrin.
Fußnoten
- Katharina Nocun (@kattascha.bsky.social), Beitrag auf Bluesky vom 19. September 2026: bsky.app/profile/kattascha.bsky.social/post/3mvut5imskc2h. ↩
- Vgl. Diskursmonitor, Universität Siegen: Eintrag „Altpartei“. Der Diskursmonitor ist ein Forschungsprojekt zur Analyse von Stigmawörtern und politischer Sprache. ↩
- Beate Müller-Gemmeke (Bündnis 90/Die Grünen) äußerte sich in einer Bundestagsrede zur Verwendung des Begriffs „Altparteien“. ↩
- Fabian Deus: Eintrag „Altpartei“ im Diskursmonitor, Universität Siegen. Deus zeichnet die Verwendung des Begriffs in den 1970er Jahren im Umfeld der Grünen sowie später bei Linkspartei und Piraten nach. Das Zitat „wanderte nach rechts“ stammt aus Matthias Heine: „Die Legende vom Nazi-Begriff ‚Altpartei‘“, in: Die Welt, 2019. ↩
- Die AfD wurde am 6. Februar 2013 gegründet. Die Grünen entstanden 1980 aus der Umwelt- und Friedensbewegung. Die Linke entstand 2007 aus der Fusion von PDS und WASG. ↩
- Vgl. Diskursmonitor, Universität Siegen: Eintrag „Altpartei“. ↩
- CORRECTIV: Analyse von über 1.100 Social-Media-Beiträgen zur Verwendung des Begriffs „Remigration“ durch AfD-Bundestagsabgeordnete, veröffentlicht am 30. September 2025. ↩
- Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Asylgeschäftsstatistik für die Jahre 2015 und 2016. ↩
- BAMF: Asylgeschäftsstatistik, verschiedene Jahrgänge. Die Zahl der anhängigen Verfahren stieg von 169.166 (Ende 2014) auf 433.719 (Ende 2016). ↩
- Vgl. Johann Hahlen und Hannes Kühn: „Die Flüchtlingskrise als Verwaltungskrise – Beobachtungen zur Agilität des deutschen Verwaltungssystems“, 2016. Hahlen und Kühn nennen den 17. September 2015 als Datum des Rücktritts; Frank-Jürgen Weise wurde am 18. September 2015 zusätzlich BAMF-Chef. ↩
- Johann Hahlen und Hannes Kühn: „Die Flüchtlingskrise als Verwaltungskrise – Beobachtungen zur Agilität des deutschen Verwaltungssystems“, 2016. Ergänzend: Bundeszentrale für politische Bildung: „Die Asylkrise 2015 als Verwaltungsproblem“, in der das BAMF als Nadelöhr beschrieben wird, während Länder, Kommunen und Freiwillige die Aufnahme organisierten. ↩
- BAMF: Migrationsbericht 2015. Danach wurden im EASY-System zunächst 1.091.894 Zugänge registriert; nach den Nachregistrierungen bis September 2016 zeigte sich, dass es rund 890.000 Einreisen waren. ↩

