Von Wolfsburgs Hochmut, der Tragödie von Detroit und einer unheimlichen Drehbuchgarantie.
1. Das Menetekel im Aufsichtsrat
Es ist September 2021. In den klimatisierten Räumen der VW-Machtebene in Wolfsburg präsentiert der Vorstandsvorsitzende Herbert Diess dem Aufsichtsrat ein internes Szenario. Die Zahlen auf den Folien sind eine Kriegserklärung an den Status quo: Ohne eine radikale, schmerzhafte Beschleunigung der Elektrotransformation seien bis zu 30.000 Stellen gefährdet – jeder vierte Job bei der Kernmarke Volkswagen.
Die Reaktion folgt prompt, laut und unnachgiebig. Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo weiß die Politik und die Gewerkschaften hinter sich und kanzelt den Chef öffentlich ab:
„Ein Abbau von 30.000 Arbeitsplätzen ist absurd und entbehrt jeder Grundlage.“ (Tagesspiegel, 13.10.2021)
Es war der Moment, in dem das Schicksal von Diess besiegelt wurde. Er war kein bequemer Chef. Er verweigerte das traditionelle Wolfsburger Ritual des Kuschel-Konsenses. Seine Messlatte lag nicht in Ingolstadt bei Audi oder in Stuttgart bei Mercedes – sein Maßstab hieß Tesla. Diess ging so weit, Elon Musk per Videoschalte einzuladen, damit dieser vor dem versammelten VW-Managementteam referierte. Ein Affront für die stolze Automobil-Nation.
Diess erklärte die Software zur absoluten Chefsache, benannte China ungeschminkt als strukturelle Bedrohung und schleuderte dem Stammwerk den Satz entgegen, den man ihm nie verzeihen sollte: Wolfsburg ist zu langsam.
Am 22. Juli 2022 zog der Aufsichtsrat die Reißleine. Einstimmig. Offiziell ging Diess zum 1. September „einvernehmlich“. Tatsächlich kam die Initiative von den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Sein Vertrag war erst ein Jahr zuvor bis 2025 verlängert worden.
Sein Nachfolger wurde Oliver Blume. Aufgewachsen in Wolfsburg, durch die Reihen des Konzerns hochgedient, der absolute Favorit der Familien. Blume galt als der Anti-Diess: ein Konsensmanager. „Die richtige Person, um den Teamgedanken in den Mittelpunkt zu stellen“, jubelte das offizielle VW-Statement. Man atmete kollektiv auf. Der Störenfried war weg. Man konnte wieder zur Tagesordnung übergehen.
2. Die unbarmherzige Rechnung der Realität
Nichts ist so brutal wie eine Realität, die sich nicht an harmonische Aufsichtsratssitzungen hält. Der „Teamgedanke“ baute keine Software und verkaufte keine Autos in Asien.
Die Quittung folgte im Zeitraffer:
Die SSP-Plattform (Scalable Systems Platform), das zukünftige technologische Herzstück des Konzerns: verzögert und blockiert.
Der MQB (Modularer Querbau), die alte Verbrenner-Plattform: muss künstlich weitergeschleppt werden, um überhaupt noch Autos zu produzieren.
Der China-Marktanteil: bricht dramatisch ein. Während VW noch über „Spaltmaße“ diskutierte, definierten Konkurrenten wie BYD und Tesla das Auto längst als rollendes Smartphone mit Elektroantrieb.
Im Dezember 2024 holte die Realität die Beschwichtiger von einst ein. VW einigte sich mit den Gewerkschaften auf den Abbau von 35.000 Stellen. Die „absurde und grundlose“ Zahl von Diess war von der Wirklichkeit noch überholt worden.
Juni 2026: Stunden vor der Hauptversammlung brennt die Hütte lichterloh. Sechs von neun Vorstandsmitgliedern halten den Volkswagen-Konzern mittlerweile für akut existenzgefährdet. Alle neun sind sich einig: Es gibt kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr (Manager Magazin, 17.06.2026). Das System Wolfsburg hat sich selbst gelähmt, bis die Zeit abgelaufen war.
3. Detroit 1970 – Das Ignorieren des Gewitters
Wer diesen Niedergang beobachtet, erlebt ein historisches Déjà-vu. Bereits am 7. November 2018 hieß es in einem hellseherischen Tweet:
„Die BRD verhält sich wie Detroit in den 1970ern – man redet sich ein, es läuft alles bestens. Aber von RWE bis Volkswagen über Siemens verhält man sich wie die letzten Dinosaurier. Huawei und Tesla machen dann das Rennen, weil wir an der Vergangenheit hängen.“
Der Vergleich mit Detroit ist von beängstigender Präzision. In den 1970er Jahren bauten die amerikanischen „Big Three“ (General Motors, Ford, Chrysler) riesige, spritfressende Straßenkreuzer. Sie badeten in jahrzehntelangem Erfolg, waren arrogant und hielten sich für unbezwingbar. Die aufkommende, hocheffiziente und verlässliche Konkurrenz aus Japan – Toyota und Honda – wurde als billiges Plagiat belächelt. Dann schlug die Ölkrise ein. Das System Detroit kollabierte. Es folgte ein beispielloser wirtschaftlicher und sozialer Niedergang, von dem sich die Autostadt bis heute nicht erholt hat.
Genau das ist die Tragödie der deutschen Industrie. Man kann nicht sagen, man hätte es nicht gewusst. Man sah das Gewitter kommen. Prophetische Stimmen warnten lautstark – und wurden konsequent ignoriert. Es ist die klassische Trägheit des Erfolgs: Wenn es einem Unternehmen finanziell blendend geht, ist der Anreiz für radikalen Wandel am geringsten. Man wollte die fetten Renditen der Verbrennungsmotoren so lange wie möglich melken, um den riesigen, trägen Apparat zu füttern.
4. Das Kassandra-Gewand und die Drehbuchgarantie
Die griechische Mythologie kennt die Figur der Kassandra. Sie war mit der Gabe gesegnet, die Zukunft präzise vorhersagen zu können. Doch Apollon belegte sie mit einem Fluch: Niemand sollte ihren Prophezeiungen Glauben schenken. Kassandra warnte vor dem Trojanischen Pferd, sie flehte ihre Mitbürger an. Man hielt sie für verrückt. Am Ende brannte Troja lichterloh, und Kassandra fand ein düsteres Ende.
Wer 2018 den Niedergang vorausgesagt hat, darf sich heute im Sommer 2026 das Kassandra-Gewand überstreifen. Es ist ein zutiefst bitterer Triumph, recht zu behalten, während man der Schlüsselindustrie des eigenen Landes beim langsamen Rutschen in die Existenzkrise zusehen muss.
Doch die Tragödie reicht tiefer als verfehlte Marktanteile und technologische Trägheit. Es gibt hier eine unheimliche „Drehbuchgarantie“. Die Protagonisten von damals sind alle tot, aber das Drehbuch liegt bereit. Und der menschliche Affe scheint es einfach nicht zu lernen.
Dieses Drehbuch ist der Kollaps der Weimarer Republik vor fast genau 100 Jahren. Die soziologischen und politischen Parallelen zum heutigen Zustand fügen sich nahtlos aneinander:
| Phase | Wirtschaftlicher Katalysator | Politische Lähmung | Der biologische Faktor |
|---|---|---|---|
| 1920er / 1930er | Erst Hyperinflation, dann Weltwirtschaftskrise 1929. Der plötzliche Verlust von Wohlstand treibt die Massen zu den Extremen. | Die demokratischen Kräfte zerfleischen sich in Detailfragen. Die Institutionen verlieren jede Autorität, weil sie keine realen Lösungen liefern. | Das Löschen des Gedächtnisses: Die Generationen sterben, die den Schmerz der heißen Herdplatte (Krieg und Totalitarismus) selbst erlebt haben. |
| Die Gegenwart | Deindustrialisierung durch den Verlust von Kernindustrien. Verarmung der Mitte und massiver Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. | Die Politik verheddert sich im bürokratischen Klein-Klein, während die Infrastruktur zerfällt und die Industrie abwandert. | Die Geschichte verblasst zu abstrakten Worten im Schulbuch. Das emotionale Gedächtnis ist gelöscht. Der biologische Algorithmus schaltet auf Ur-Ängste um. |
5. Was bleibt
Mark Twain sagte einmal: „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ Angesichts der aktuellen Verwerfungen muss man das korrigieren: Der Affe lernt es einfach nicht. Wenn die vertraute Sicherheit wegbricht, siegt am Ende die nackte Ur-Angst vor dem Abstieg. Das evolutionär tief verankerte Stammesdenken bricht sich Bahn, Populisten übernehmen das Ruder, und das System kollabiert nach den immer gleichen Gesetzmäßigkeiten der Massenpsychologie.
Wenn dieses Drehbuch steht, weil der biologische Algorithmus des Menschen auf existenzielle Krisen über die Jahrhunderte hinweg immer gleich fehlerhaft reagiert – dann ist das Kassandra-Gewand tatsächlich das einzige, was dem sehenden Beobachter bleibt.
Nur dass es diesmal eben nicht um Spaltmaße, verpatzte Software-Plattformen oder verlorene Marktanteile in China geht. Es geht um den zivilisatorischen Rahmen, in dem wir leben. Troja brennt selten spontan – es wird aus purer Bequemlichkeit und kollektiver Blindheit angezündet.

