Ein kleines Staunen über große Stolpersteine
Es beginnt harmlos, wie so oft: ein Nachmittag, eine Doku auf 3Sat, Wiederholung, gemütlich. Jasmin Stieglers Film über Propriozeption läuft, es geht um den Sinn für die eigene Körperposition – jenes stille System, das uns erlaubt, mit geschlossenen Augen die Nase zu treffen. Und dann fällt der Satz, der schon tausend ähnliche Dokus eröffnet hat: „Propriozeption – unser sechster Sinn.“
Ein Ohr, das gut zuhört, stolpert an dieser Stelle. Denn wer schon einmal eine Doku über das Gleichgewichtsorgan, über das Bauchgefühl oder über die Wahrnehmung von Magnetfeldern gesehen hat, kennt den Satz in leicht variierter Form: Auch dort war jeweils dieser Sinn der sechste. Kann Propriozeption wirklich Nummer sechs sein, wenn ständig etwas anderes diesen Platz beansprucht?
Die Antwort ist so unspektakulär wie aufschlussreich: Der sechste Sinn ist kein Sinn. Er ist ein Werbeslogan.
Fünf Sinne – eine Erfindung der Antike, kein Fund der Biologie
Dass Menschen fünf Sinne haben, ist eine der hartnäckigsten Halbwahrheiten unseres Bildungssystems. Die Liste – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen – geht auf Aristoteles zurück und hat seither kaum jemand ernsthaft infrage gestellt, obwohl die Neurowissenschaft längst weitergezogen ist.
Wer einen Sinn nüchtern definiert – als eigenen physiologischen Wahrnehmungskanal mit eigenen Rezeptoren und eigener neuronaler Verarbeitung –, landet schnell bei zehn, vierzehn, manche sagen über zwanzig Sinnen. Dazu gehören etwa der Gleichgewichtssinn (Equilibriozeption), die Wahrnehmung innerer Körperzustände wie Herzschlag und Hunger (Interozeption), das Schmerzempfinden (Nozizeption), der Temperatursinn (Thermozeption) und eben die Propriozeption, der Sinn für die eigene Körperhaltung.
Der „sechste Sinn“ ist also in Wahrheit ein Sammelbegriff für alles, was aus der antiken Fünferliste herausfällt – und da passt fast alles hinein, vom Zeitgefühl bis zum vagen Verdacht, dass im Nebenraum etwas nicht stimmt.
Warum das Fernsehen die Zahl Sechs so liebt
Dokumentationen sind Geschichten, und Geschichten mögen klare Dramaturgie. „Propriozeption ist einer von mindestens zehn menschlichen Sinnen“ klingt nach Fußnote. „Propriozeption ist unser sechster Sinn“ klingt nach Entdeckung. Also wird, je nach Thema der Woche, mal das Gleichgewicht, mal die Intuition, mal die Temperaturwahrnehmung zum sechsten Sinn erklärt – nie mit böser Absicht, aber immer mit dem gleichen dramaturgischen Kniff.
Ein deutsches Kuriosum treibt diese Beliebigkeit auf die Spitze: die WDR-Reihe „Der 7. Sinn“, die von 1966 bis 2005 Autofahrer vor toten Winkeln und Sekundenschlaf warnte. Mit Biologie hatte das nichts zu tun – der Titel war ein Wortspiel mit der zweiten Bedeutung von „Sinn“ im Deutschen: nicht das physiologische Wahrnehmungssystem, sondern das umgangssprachliche Gespür, wie in „Sinn für Humor“ oder „Sinn für Gefahr“. Die Medien nutzen diese Doppeldeutigkeit gern und geschickt – nur eben nicht immer redlich.
Der Zufall, der die Doku fast rechtfertigt
Und doch gibt es eine Volte in dieser Geschichte, die selbst Skeptiker kurz innehalten lässt. Ordnet man die Sinne nicht alphabetisch oder nach Schulbuchtradition, sondern nach ihrem mutmaßlichen Auftreten in der Evolution, ergibt sich ungefähr diese Reihenfolge: zuerst die Chemosensorik – schon Bakterien folgen chemischen Gradienten zur Nahrung. Dann die Mechanosensorik, jener uralte Tastsinn, den bereits Einzeller wie das Pantoffeltierchen über ihre Cilien besitzen. Es folgen Schmerzempfinden, Temperaturwahrnehmung und die Wahrnehmung innerer Zustände. Erst danach, wenn Muskeln und Gelenke existieren, wird Propriozeption überhaupt möglich – und landet in dieser speziellen Zählung tatsächlich ziemlich genau auf Platz sechs, noch vor Gleichgewichtssinn, Sehen und Hören.
Ein schöner Zufall – aber eben nur eine von vielen möglichen Reihenfolgen, je nachdem, ob man nach Rezeptorkomplexität, nach Auftreten bei Vielzellern oder nach kognitiver Verarbeitungstiefe sortiert. Die Doku hat recht, ohne es zu wissen. Das macht die Sache nicht wissenschaftlicher, aber definitiv amüsanter.
Fühlen vor Sehen – und warum Roboter es umgekehrt machen
Aus dieser evolutionären Reihenfolge folgt ein Punkt, der zunächst kontraintuitiv wirkt, aber biologisch hieb- und stichfest ist: Der Tastsinn ist um Größenordnungen älter als das Sehen. Sehen braucht lichtempfindliche Moleküle, komplexe Zellschichten, eine gewisse Rechenleistung im Nervensystem – ein evolutionär teures Unterfangen, das sich erst bei komplexeren Vielzellern lohnt und in vielen Zwischenstufen entstand, vom simplen Lichtsinnfleck bis zum Linsenauge. Der Tastsinn dagegen ist biologisch billig: Ein paar mechanosensitive Membrankanäle reichen.
Genau umgekehrt verhält es sich, wenn Ingenieure statt der Evolution am Werk sind. In der Robotik kam das Sehen zuerst – Kameras und Computer Vision liefern sofort verwertbare, technisch gut beherrschbare Daten. Ein feiner, flächiger Tastsinn dagegen galt lange als kaum lösbares Sensorik- und Materialproblem. Erst in den vergangenen Jahren kippt das: Der humanoide Roboter H1, an dem Gordon Cheng und sein Team an der Technischen Universität München arbeiten, verfügt über eine großflächige, feinfühlige Hautsensorik – einen echten Tastsinn, der über bloße Kraftmessung in den Gelenken hinausgeht.
Damit vollzieht die Robotik die biologische Sinnesentwicklung in umgekehrter Reihenfolge nach: erst die Augen, dann – mühsam erarbeitet – die Haut. Bei der Natur war es exakt andersherum. Zwei völlig verschiedene Wege zum selben Ziel: eine Maschine oder ein Lebewesen, das seine Umwelt und sich selbst zuverlässig wahrnimmt.
Fazit eines Stolperns
Am Ende bleibt von diesem kleinen Gedankenspaziergang nicht viel Handfestes übrig – und genau das ist der Witz daran. Der „sechste Sinn“ ist kein biologischer Rang, sondern ein mediales Etikett, das sich jede Doku nach Bedarf anheftet. Und doch lohnt sich das Stolpern: Es führt von einer Fernsehfloskel über Aristoteles und Pantoffeltierchen bis zu einem Labor in München, in dem gerade – ausgerechnet in umgekehrter Reihenfolge zur eigenen Entstehungsgeschichte – nachgebaut wird, was die Evolution vor Milliarden Jahren als Erstes erfand: das Gefühl für die eigene Haut.
Manchmal ist das Stolpern eben nicht der Fehler im System, sondern der Anfang der interessanteren Frage.

