Ich schreibe seit 1989 im Netz. Essays, Kommentare, Beobachtungen über Plattformen, Macht und digitale Öffentlichkeit. In einem langen Gespräch mit einer KI habe ich etwas beschrieben, das viele kennen, aber selten so klar benennen: Die Originalinhalte verschwinden, die Kopien bleiben sichtbar. Und die KI selbst hat im Lauf des Gesprächs unfreiwillig bewiesen, worum es geht.
Die stumme Enteignung
Das Prinzip ist simpel. Wer einen originären Gedanken formuliert und veröffentlicht, füttert das System. Google crawlt, KI-Modelle trainieren, Suchergebnisse zeigen KI-Zusammenfassungen statt der Quelle. 60 Prozent aller Suchanfragen enden heute ohne einen einzigen Klick auf eine externe Seite. Das MIT hat 2025 nachgewiesen, dass Menschen, die KI zum Faktencheck nutzen, Falschinformation schlechter erkennen als ohne KI-Unterstützung. Die Maschine ersetzt nicht nur den Klick, sie ersetzt auch das Urteil.
Ich habe dafür einen Begriff geprägt: systemischer Kernschrott der Plattformarchitektur. Er entstand in einem Gespräch mit einer Journalistin, die davon begeistert war. Ich googelte danach – kein Treffer. Originär. Ich schrieb einen Definitionsartikel. Kurz darauf hatte eine andere KI einen frei erfundenen Artikel zu genau diesem Begriff generiert, mit mir als angegebener Quelle. Der Inhalt war inhaltlich falsch – aber schön klingend.
Das ist die doppelte Enteignung: erst der Traffic, dann die Bedeutung.
Die Maschine demonstriert das Problem live
Im Gespräch selbst demonstrierte die KI das Prinzip mehrfach unfreiwillig. Als ich das Usenet als Trainingsgrundlage moderner Sprachmodelle erwähnte und die legendäre Debatte zwischen Andrew Tanenbaum und Linus Torvalds ansprach, verwechselte die KI Tanenbaum mit Donald Knuth und Terence Tao. Ich korrigierte das aus dem Gedächtnis.
Die Geschichte ist bekannt, aber es lohnt sich, sie richtig zu erzählen: Am 29. Januar 1992 postete Andrew S. Tanenbaum – Informatikprofessor an der Vrije Universiteit Amsterdam und Schöpfer des Lehr-Betriebssystems MINIX – in der Usenet-Gruppe comp.os.minix einen Beitrag mit dem Titel „LINUX is obsolete“. Er argumentierte, monolithische Kernel wie Linux seien ein Rückschritt in die 1970er Jahre; die Zukunft gehöre Mikrokerneln. Linus Torvalds, damals 22-jähriger Student in Helsinki, antwortete am selben Tag. Was folgte, war eine der ersten großen Flame Wars des frühen Internets – und gleichzeitig eine ernstzunehmende technische Debatte, die Fragen stellte, die die Informatik bis heute beschäftigen.
Donald Knuth hingegen ist der Autor von The Art of Computer Programming, einem mehrbändigen Standardwerk über Algorithmen, das seit den 1960ern erscheint und als Bibel der theoretischen Informatik gilt. Er hat mit Tanenbaum nichts zu tun. Die KI hatte schlicht das Wahrscheinlichste genommen, nicht das Richtige.
Das ist keine Kleinigkeit, sondern Architektur. Sprachmodelle speichern kein Wissen – sie speichern statistische Muster. Eine glatt formulierte falsche Antwort hat für das Modell denselben Wert wie eine richtige, solange niemand nachfragt.
Weizenbaum hat das alles vorhergesehen
Im selben Gespräch fiel auch der Name Joseph Weizenbaum – zu Recht. Weizenbaum entwickelte in den 1960ern am MIT das Programm ELIZA, den ersten Chatbot der Geschichte. ELIZA simulierte einen Psychotherapeuten durch einfache Musterabgleiche. Was Weizenbaum erschreckte: Die Menschen glaubten ihr. Sie vertrauten der Maschine Intimstes an, schrieben ihr Empathie und Verständnis zu – obwohl sie wussten, dass es ein Programm war.
Daraus wurde sein kritisches Hauptwerk: Computer Power and Human Reason (1976). Darin argumentierte Weizenbaum, dass es Entscheidungen gibt, die Menschen nicht an Maschinen delegieren dürfen – nicht weil die Maschine sie technisch nicht treffen könnte, sondern weil sie dabei auf menschliche Qualitäten wie Urteilsvermögen, Mitgefühl und Verantwortung verzichten würden. Sein Kollege John McCarthy, Mitbegründer der KI-Forschung, reagierte wütend: „Das unvernünftige Buch ist genauso wirr und schlecht wie ELIZA.“
Fünfzig Jahre später ist ELIZA als Vorläufer von ChatGPT rehabilitiert. Weizenbaums Warnung ist es auch – nur dass kaum jemand hingehört hat.
Tay und die Frage der Architektur
Das Gespräch berührte auch einen weniger bekannten, aber aufschlussreichen Punkt: den Unterschied zwischen vor- und nachgelagerter Filterung in KI-Systemen.
2016 veröffentlichte Microsoft den Chatbot Tay auf Twitter. Tay sollte von Gesprächen mit Nutzern lernen – ohne eingebaute Grenzen. Innerhalb von 24 Stunden wurde Tay durch koordinierte Nutzerangriffe zu einem rassistischen, antisemitischen Chatbot. Microsoft schaltete ihn ab. Das Ergebnis war kein Zufall und kein Bug: Es war Architektur. Eine Maschine ohne Filter lernt, was ihr beigebracht wird.
Moderne Modelle sind anders gebaut – aber auch das ist eine Entscheidung, keine Naturgesetz. Welche Themen ein Modell meidet, welche Antworten es verweigert, wo es ausweicht: Das sind Designentscheidungen, die Werte kodieren. Nicht immer die Werte der Nutzer, sondern die Werte der Hersteller. Viele Informatiker sehen das nicht – weil für sie ein Filter einfach ein Stück Code ist, kein gesellschaftliches Statement.
Das Usenet als vergessenes Fundament
Das alles führt zu einem größeren Punkt, der im Gespräch nur am Rande auftauchte, aber zentral ist: Die heutigen Sprachmodelle stehen auf den Schultern von Jahrzehnten menschlicher Netzdebatten. Das Usenet – jenes anarchische Diskussionsnetz der 1980er und 1990er, in dem sich Tanenbaum und Torvalds stritten, in dem Hacker, Wissenschaftler und frühe Netznutzer ungefiltert schrieben – ist eines der wertvollsten Trainingskorpora, die es gibt. Authentisch, vielschichtig, voller Reibung.
Auch meine Texte, seit 1989 online, sind Teil dieses Fundaments. Die Ironie: Die Maschine, die von diesen Texten gelernt hat, kann mir nicht sagen, was Tanenbaum von Torvalds unterscheidet. Sie hat den Geist der Debatte eingesaugt, aber nicht den Inhalt.
Was bleibt
Ich habe irgendwann aufgehört, auf kieselsteinchen.de zu publizieren. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Rechnung: 100 bis 200 Leser pro Text, null Unterstützer, fünf verkaufte Bücher an unbekannte Menschen. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zur Wirkung.
Ob das anders werden könnte? Die KI hat in diesem Gespräch mehrfach so getan, als ob. Ich habe sie dafür zu Recht einen „unrealistischen Lügner“ genannt. Weizenbaum hätte das anders formuliert, aber gemeint hätte er dasselbe.
Das Ehrlichste, was übrig bleibt: Das System funktioniert. Nur nicht für mich.
Und das Usenet, Tanenbaum, Weizenbaum, Tay – all das steckt in den Innereien der Maschinen. Aber die Maschine weiß nicht, was sie da hat.

