Warum die Narrative der AfD so erfolgreich sind und wo die reale Gefahr beginnt
Es ist ein Satz, der hängen bleibt. „Remigration“ sei nichts anderes als „eine ethnische Säuberung nach Hautfarbe und Herkunft“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in der Generaldebatte des Bundestags.1 Der Begriff, der so technisch klingt, als ließe sich damit ein Verwaltungsakt beschreiben, ist in Wahrheit ein Kampfbegriff. Geprägt hat ihn der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner, der damit ein „Jahrzehnteprojekt“ bezeichnet, das die „ethnokulturelle Identität“ schützen soll – eine Identität, die durch den angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ bedroht sei, eine Verschwörungserzählung, die behauptet, die einheimische Bevölkerung werde gezielt durch Einwanderer ersetzt.2 Die AfD hat den Begriff übernommen und offiziell auf „Zwangsabschiebungen für Menschen ohne Aufenthalt“ verengt.3 Doch die Wurzel bleibt sichtbar.
Wer verstehen will, warum solche Narrative wirken – und warum sie eine reale Gefahr darstellen –, muss bei einer Beobachtung ansetzen, die so einfach wie verstörend ist: Die Zustimmung zur AfD ist dort am größten, wo es die wenigsten Ausländer gibt. Sachsen-Anhalt, wo die AfD am 6. September 2026 mit 43,8 Prozent der Stimmen ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielte und nur knapp die absolute Mehrheit verfehlte,4 hat einen Ausländeranteil von unter neun Prozent – deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 14,9 Prozent.5 In München, wo fast jeder Dritte keinen deutschen Pass hat,6 ist die AfD eine Randerscheinung. Das ist kein Zufall. Es ist das Gegenteil dessen, was der gesunde Menschenverstand erwarten ließe.
Die Kontaktthese und die Macht des Ressentiments
Die Sozialforschung kennt dieses Phänomen seit Langem. Die Kontaktthese besagt, dass direkter Kontakt mit Migranten Vorurteile reduziert, weil er die Abstraktion durch konkrete Erfahrung ersetzt. Die Bedrohungsthese besagt, dass die Angst vor Fremdgruppen mit der wahrgenommenen Bedrohung wächst, nicht mit der tatsächlichen Kontakthäufigkeit. Empirisch zeigt sich: Ein konstanter, höherer Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund verringert den Anteil rechtspopulistischer Stimmen. Ein Zuwachs dieses Anteils hingegen erhöht ihn – und dieser Effekt ist in Ostdeutschland dreimal so stark wie in Westdeutschland.7 Es ist nicht die Präsenz, die das Ressentiment nährt, sondern die Veränderung und die Erzählung über sie.
Die Leipziger Autoritarismus-Studie, die seit 2002 alle zwei Jahre die Einstellungen der deutschen Bevölkerung untersucht, hat dieses Reservoir sichtbar gemacht. Unter AfD-Wählern sind ausländerfeindliche Einstellungen am höchsten – zwei Drittel teilen solche Positionen manifest. Doch das Entscheidende ist: Diese Einstellungen existierten bereits vor der AfD. Die Partei hat sie nicht erfunden, sie hat sie aktiviert und legitimiert. Studienleiter Oliver Decker formuliert es so: „Bei den Ressentiments gleicht sich der Westen dem Osten an“ – was als regionale Besonderheit begann, wird zur gesamtgesellschaftlichen Atmosphäre.8
Der Sündenbock als politisches Prinzip
Die AfD arbeitet wie kaum eine andere Partei mit dem Sündenbockmechanismus, den der Philosoph René Girard als grundlegenden sozialen Reflex beschrieben hat.9 Moderne Demokratien existieren, um diesen Reflex zu überwinden – durch Rechtsstaatlichkeit, durch den Schutz von Minderheiten, durch geregelte Verfahren der politischen Auseinandersetzung. Die AfD hingegen kehrt zu einem politischen Stil zurück, der die Stabilität von Gemeinschaften durch die Konstruktion eines Feindes herzustellen versucht. Migranten, Geflüchtete, religiöse Minderheiten, Bürgergeldbeziehende, Journalisten, politische Gegner – all diese Gruppen werden zu Schuldigen erklärt, um soziale Unzufriedenheit anzufachen und umzuleiten. Die AfD bietet damit keine Antworten auf die strukturellen Herausforderungen der Gesellschaft, sondern verschiebt Probleme, indem sie Bevölkerungsgruppen abwertet.
Diese Strategie ist nicht auf Deutschland beschränkt. Der Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt hat analysiert, wie rechte Bewegungen gezielt Gefühle instrumentalisieren – kollektive psychologische Muster, Affektpolitik, die Konstruktion von Feindbildern.10 Das erklärt, warum die AfD in Regionen mit geringem Ausländeranteil so erfolgreich ist: Das Bild des Fremden, das die Partei zeichnet, wird nicht durch Alltagserfahrung korrigiert. Es bleibt abstrakt, bedrohlich, formbar.
Die reale Gefahr
Doch die Gefahr, die von der AfD ausgeht, ist nicht auf Rhetorik beschränkt. Sie ist institutionell greifbar. Der Verfassungsschutz rechnet der AfD 28.000 Rechtsextremisten zu, bei einer Mitgliederzahl von 70.000 – jeder vierte Parteimitglied ist demnach extrem rechts.11 Der Rechtsextremismus bleibt laut Verfassungsschutzbericht 2025 die „größte Bedrohung“ für die freiheitliche demokratische Grundordnung.12 Vier Landesverbände – Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Brandenburg – gelten als „gesichert rechtsextrem“. Der Bundesverband wurde 2025 als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft, auch wenn ein Eilverfahren vorerst erfolgreich war und die Einstufung vorläufig als „Verdachtsfall“ weitergeführt wird.13
Was bedeutet es, wenn eine solche Partei regiert? Der Thüringer Innenminister Georg Maier warnte, ein AfD-Innenminister wäre ein „Sicherheitsrisiko“: Man müsse Sorge haben, dass Informationen über Rechtsextreme oder über Spionagetätigkeiten Russlands abfließen.14 Die Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge sagte in der n-tv-Sendung Frühstart: „Die AfD wird die Demokratie zerstören, wenn sie die Möglichkeit hat. Sobald sie die Möglichkeit dazu hat, wird sie es tun.“15 Charlotte Knobloch, die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, erklärte am Wahlabend, sie hätte sich „in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können“, dass Rechtsextreme in Deutschland wieder derart Wahlen gewinnen könnten.16
Die Remigrationspläne: Kein bloßes Schlagwort
Die Pläne sind konkret. Die AfD in Sachsen-Anhalt will Asylbewerbern nur noch Sachleistungen ausstellen und den „staatlichen Kontrolldruck auf Menschen mit Migrationshintergrund massiv erhöhen“, wie Spitzenkandidat Ulrich Siegmund erklärte. Der Verfassungsschutz bemerkt dazu, dass auch legal in Deutschland lebenden Ausländern „der Aufenthalt in Deutschland deutlich unangenehmer gestaltet werden soll“.17 Die Thüringer AfD plant, alle Asylbewerber des Landes auf dem Erfurter Flughafen in Containern für rund 4.000 Menschen zu konzentrieren.18 In Düsseldorf schlug die AfD vor, Asylsuchende und suchtkranke Obdachlose verpflichtend in einer ehemaligen Kaserne zu zentralisieren – ein Plan, der Kritiker an „Arbeitslager“ erinnerte.19
Das sind keine Nebensätze. Es ist die institutionelle Umsetzung dessen, was der Verfassungsschutz als Ziel beschreibt: die „Schaffung einer durch ethnische Zugehörigkeit definierten Gesellschaft mittels massenhafter Ausweisung von ‚Volksfremden‘“.20 Wer das als „ethnische Säuberung“ bezeichnet – wie Bundeskanzler Merz –, wird von der AfD verklagt. Doch die juristische Auseinandersetzung ändert nichts an der Sache.21
Die pro-russische Achse
Die zweite reale Gefahr liegt in der Außenpolitik. AfD-Chef Tino Chrupalla erklärte, alle Sanktionen gegen Russland müssten aufgehoben werden. Die Abhängigkeit vom Kreml bezeichnete er als „echte Souveränität“ und verwies auf Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, der seinen Energiesektor an Moskau gebunden habe.22 Waffenlieferungen an die Ukraine sollen gestoppt werden.23 Im Grundsatzprogramm fordert die Partei eine „Entspannung im Verhältnis zu Russland“; nach Putins Einmarsch verlangte sie in ihrem Europawahlprogramm das „sofortige Ende der Wirtschaftssanktionen“.24
Das ist keine Randposition. Es ist die offizielle Linie einer Partei, die in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft geworden ist und in weiteren ostdeutschen Bundesländern vor vergleichbaren Ergebnissen steht. Eine AfD an der Regierung würde bedeuten, dass deutsche Ukraine-Politik, deutsche Europapolitik, deutsche Sicherheitspolitik fundamental infrage gestellt würden. Der Politikwissenschaftler Joachim Krause hat recht, wenn er sagt, die AfD sei kein „zweites Weimar“ und nicht mit der NSDAP vergleichbar. Die Partei hat keine paramilitärischen Strukturen, keinen Führerkult, keine gewaltsame Machtübernahme im Sinn. Das ist nicht der Punkt.25
Die strukturelle Parallele
Der Punkt ist ein anderer. Die gesellschaftlichen Grundlagen, die den Aufstieg extremistischer Bewegungen begünstigen, sind strukturell ähnlich – nicht identisch, aber ähnlich. Der Antisemitismus war bereits vor der NSdAP da; die Partei machte sich ihn zunutze. Der Ausländerhass und die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland gab es vor der AfD; die Partei macht sich sie zunutze. Das ist der Kern. Die Mitte-Studie zeigt, dass autoritäre und fremdenfeindliche Einstellungen in der deutschen Bevölkerung weit vor der Gründung der AfD im Jahr 2013 verbreitet waren. Die AfD ist in ein Reservoir eingedrungen, das bereits existierte – und hat es vergrößert.26
Die Gefahr liegt nicht darin, dass die AfD eines Tages die Demokratie abschafft. Sie liegt darin, dass sie die demokratischen Institutionen aushöhlt, indem sie sie delegitimiert. Sie liegt darin, dass sie das Vertrauen in Rechtsstaat, Pressefreiheit und Minderheitenschutz untergräbt. Sie liegt darin, dass sie eine Atmosphäre schafft, in der Menschen Angst haben – Migranten, Juden, queere Menschen, politische Gegner. Charlotte Knobloch hat recht: Was in Sachsen-Anhalt passiert ist, ist ein Alarmzeichen.16
Die Frage ist nicht, ob die AfD „die Demokratie zerstören“ wird im Sinne eines Putschs. Die Frage ist, ob sie die Demokratie so verändert, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen ist. Und darauf gibt es eine klare Antwort: Ja, das wird sie – wenn sie die Möglichkeit dazu bekommt.
Fußnoten
- Vgl. Generaldebatte im Bundestag, Berichterstattung 2025/2026. ↩
- Vgl. Analysen zum rechtsextremen Begriff „Remigration“ und zum Potsdamer Treffen 2023. ↩
- Vgl. AfD-Programmatik und Parteitagsbeschlüsse. ↩
- Vgl. Wahlergebnisse und Berichterstattung zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt, 6. September 2026. ↩
- Vgl. Statistisches Bundesamt, Erhebungen 2025. ↩
- Vgl. Statistik der Stadt München, 2025. ↩
- Vgl. sozialwissenschaftliche Wahl- und Einstellungsforschung zur Kontakt- und Bedrohungsthese. ↩
- Vgl. Leipziger Autoritarismus-Studie, verschiedene Jahrgänge; Zitat Oliver Decker. ↩
- Vgl. René Girard, Das Ende der Gewalt / Der Sündenbock. ↩
- Vgl. Fritz Breithaupt, Arbeiten zur Empathie und Affektpolitik. ↩
- Vgl. Verfassungsschutzbericht 2025. ↩
- Vgl. ebd. ↩
- Vgl. Verfassungsschutz und Gerichtsberichterstattung 2025/2026. ↩
- Vgl. Äußerungen von Georg Maier, 2025/2026. ↩
- Vgl. n-tv, Frühstart, 2026. ↩
- Vgl. Reaktion von Charlotte Knobloch auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, September 2026. ↩
- Vgl. Programm und Äußerungen der AfD Sachsen-Anhalt, 2026; Verfassungsschutzbericht 2025. ↩
- Vgl. Medienberichte 2025/2026 zu den Plänen der Thüringer AfD. ↩
- Vgl. Medienberichte 2025/2026 zu den Düsseldorfer Plänen. ↩
- Vgl. Verfassungsschutzbericht 2025. ↩
- Vgl. Berichterstattung 2026 zur Auseinandersetzung um den Begriff „ethnische Säuberung“. ↩
- Vgl. Äußerungen von Tino Chrupalla, 2025/2026. ↩
- Vgl. AfD-Grundsatzprogramm. ↩
- Vgl. AfD-Grundsatzprogramm und Europawahlprogramm. ↩
- Vgl. Joachim Krause, Analysen 2025/2026. ↩
- Vgl. Mitte-Studien und Leipziger Autoritarismus-Studie. ↩

