Ich bin vor ein paar Tagen über einen Text von mir gestolpert, fast zehn Jahre alt. Er handelte vom Phlegma der deutschen Bevölkerung, von überforderten Demokratinnen und Demokraten, von feigen Feigenblättern und von einer Wut, die sich nicht mehr mit Worten bändigen lässt. Damals stand dort: „Das Phlegma der deutschen Bevölkerung ist letztlich das Gleiche geblieben“. Ich hätte gerne ein Update schreiben können, das diesen Satz widerlegt – aber das wäre eine Lüge.
Die harten Zahlen – was aus 10 Prozent fast 30 gemacht hat
2018, als ich den ursprünglichen Text schrieb, lag die AfD in Umfragen bei etwa 10 Prozent. Das war schon alarmierend genug. Heute, 2026, sieht die Lage noch dramatischer aus:
Die AfD erreicht in Umfragen neue Höchstwerte: Aktuelle Erhebungen sehen die Partei bei 27 bis 29 Prozent bundesweit und damit klar vor der Union. Der Vorsprung vor CDU/CSU beträgt teilweise sieben Punkte.
Bei der Bundestagswahl 2025 holte die AfD offiziell 20,8 Prozent – eine Verdopplung gegenüber 2021 (10,4 Prozent).
In Sachsen-Anhalt liegt die AfD laut Umfrage bei 42 Prozent, in Sachsen bei ähnlichen Größenordnungen. Die Partei gilt inzwischen bundesweit als gesichert rechtsextremistisch und ist dennoch stärkste Kraft in mehreren Umfragen.
Mindestens jeder zweite Wähler in Bayern? 2018 schrieb ich das über die CSU und ihre Überwachungsgesetze. Heute ist es die AfD, die in ostdeutschen Bundesländern auf fast 50 Prozent der Stimmen hoffen kann. Da gibt es keine Entschuldigung mehr.
Feigenblätter und das Phlegma – zehn Jahre später immer noch aktuell
Mein damaliger Text klagte an: „Man kann HartzIV falsch finden und dann immer wieder die gleichen wählen. … Wohlfeil ‚Man sei ja gegen HartzIV‘ zu sagen ist ein Feigenblatt, wenn man nicht anders wählt.“
Was hat sich geändert? Das Bürgergeld wurde abgeschafft – nicht etwa, weil es zu großzügig war, sondern weil Union und SPD es 2025 in eine schärfere Grundsicherung verwandelt haben. Die Sanktionen wurden drastisch verschärft: Wer einen Termin schwänzt, dem wird sofort 30 Prozent gekürzt, beim nächsten Mal noch einmal 30 Prozent, beim dritten Mal die komplette Leistung.
Und die Wähler? Wählen weiter Union und SPD – die Parteien, die diese Verschärfungen selbst beschlossen haben. Das Argument „ich bin ja gegen Sozialkürzungen“ ist ein Feigenblatt, wenn man genau die Parteien wählt, die sie umsetzen. Man kann nicht gegen Überwachung sein und CDU/CSU wählen. Man kann nicht gegen soziale Kälte sein und SPD wählen. Man kann nicht gegen Rechtsradikalismus sein und nicht wählen.
Die Überwachung – von der CSU-Fratze zur flächendeckenden Routine
2018 schrieb ich: „Das PAG ist in seiner Gesetzgebung der Schritt in die Tyrannei. Wer CSU wählt, will diese Tyrannei.“
Zehn Jahre später: Die sogenannte Chatkontrolle wurde auf EU-Ebene zwar vorerst gestoppt – aber nur, weil Deutschland und andere Mitgliedstaaten sich querten. Der neue Vorschlag der EU-Staaten setzt nun auf freiwillige Chatkontrolle durch die Anbieter. Das klingt harmlos, aber Expertinnen und Experten warnen: „Der neue Entwurf könnte schlimmere Auswirkungen haben als der alte“, weil er eine dauerhafte Überwachungsinfrastruktur schafft.
Die CSU ist längst nicht mehr die einzige, die Überwachung vorantreibt. Die Große Koalition hat ein neues BKA-Gesetz beschlossen, das die Befugnisse der Sicherheitsbehörden massiv ausweitet. Wer das wählt, will diese Tyrannei.
Die weiße Rose – prophetischer denn je
Ich zitierte damals die weiße Rose: „Das Truggebilde der autarken Wirtschaft muss in Europa verschwinden. Jedes Volk, jeder einzelne hat ein Recht auf die Güter der Welt!“ Und ich schrieb: „Wieso müssen wir die Idiotie von vor 100 Jahren jetzt wiederholen? Was soll das?“
Die Frage steht immer noch im Raum. Heute, 2026, wo die AfD mit Abschiebeplänen, mit Remigrationsfantasien und mit offenem Revisionismus Wahlkampf macht. Wo Björn Höcke von „AfD-Wählern, die ihr Land lieben“ spricht, während Verfassungsschutzpräsidenten vor einer ernsthaiten Gefahr für die Demokratie warnen.
Die weiße Rose schrieb auch: „Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa.“ Diese Grundlagen bröckeln. Nicht nur in Deutschland.
Die Nichtwähler – die größte Partei, die niemand vertritt
Einer der wichtigsten Sätze meines alten Textes lautete: *„Auch wenn ihr nicht zur Wahl geht, seid ihr verantwortlich. In den Stimmlokalbezirken, wo nur 20 Prozent zur Wahl gehen, genügen den Radikalen dann nur 10 Prozent für die 50-Prozent-Mehrheit. Und die Radikalen, die gehen auch in solchen Stadtteilen wählen.“*
Das ist heute noch genauso wahr wie damals. Rund 20 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland gehen nicht zur Wahl. Sie sind die größte Partei im Land – nur dass sie niemand vertritt. Jede einzelne nicht abgegebene Stimme vergrößert das Gewicht derer, die wählen gehen, insbesondere derer, die mit Hass, Hetze und Menschenverachtung Politik machen.
Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte sagt: „Nichtwähler haben keine Vertretung im Parlament, keine Lobby, und Politik wird in der Regel zu ihren Lasten gemacht“. Wer nicht wählt, wird nicht gehört – das ist die bittere Wahrheit.
Warum die PRÜF-Demos am 13. Juni 2026 wichtig sind
Genau hier setzen die PRÜF-Demos an. Sie finden jeden zweiten Samstag im Monat statt – der nächste Termin ist Samstag, der 13. Juni 2026, um 14:00 Uhr in den Landeshauptstädten.
Was fordern die PRÜF-Demos? „Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder als gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden“. Klingt nüchtern? Ist es auch. Aber es ist eine nüchterne, verfassungskonforme Forderung. Keine Revolution, kein Umsturz, kein radikaler Aufruf – sondern der schlichte Wunsch, dass die demokratischen Institutionen das tun, wofür sie da sind: sich selbst gegen ihre Feinde zu schützen.
Die Initiative versteht sich nicht als parteipolitisch, sondern als wehrhafte Demokratie von unten. Die Demos sind bunt, familienfreundlich und kreativ. Sie sind das Gegenteil von dem, wogegen sie protestieren: nicht hasserfüllt, nicht aggressiv, sondern selbstbewusst und demokratisch.
Trotzdem erreichen diese Demos bisher nur einige Tausend Teilnehmende in den Großstädten. In München kamen im Januar 2026 rund 1200 Menschen, in Hamburg und Düsseldorf ähnlich. Das ist ein gutes, aber kein überwältigendes Signal. Die AfD hingegen mobilisiert Hunderttausende. Die Diskrepanz sagt alles.
Was tun? Alternativen gibt es – und die Verantwortung bleibt
In meinem alten Text zählte ich 2018 alternative Parteien auf: Bayernpartei, ÖDP, Piraten, Die PARTEI, Tierschutzpartei und andere. Das ist heute nicht anders. Die Liste hat sich kaum geändert, auch wenn manche dieser Parteien an Bedeutung verloren haben. Die Tierschutzpartei erreichte 2025 nur noch 1,0 Prozent, die Piraten 0,0 Prozent.
Die Alternativen sind da – aber sie müssen auch gewählt werden.
Und ja: Das Argument „die da oben sind Schuld“ zieht nicht mehr. Ihr wählt die da oben. Jede Stimme für CDU, CSU oder SPD, für Grüne, FDP oder Linke ist eine bewusste Entscheidung – auch die Entscheidung, nicht zu wählen, ist eine Entscheidung. Wer sich hinter Feigenblättern versteckt, trägt mit bei dem, was kommt.
Absaufen, absaufen, absaufen? – das ist nicht die Antwort
2018 schrieb ich über die „Absaufen, absaufen, absaufen!“-Skandierenden und die AfD, die dadurch über 10 Prozent kam. Heute rufen immer noch dieselben Rufe, und die AfD ist bei fast 30 Prozent. Es hat sich nichts geändert – außer dass die Gefahr größer geworden ist.
Die Antwort kann nicht heißen, selbst radikal zu werden. Die Antwort kann nicht heißen, in Hass zu verfallen. Die Antwort heißt: zivilgesellschaftlicher Widerstand. Sichtbar sein. Laut sein. Immer wieder auf die Straße gehen – nicht nur an einem Samstag, sondern immer wieder. Jeden zweiten Samstag im Monat, wenn die PRÜF-Demos rufen. Und am besten auch dazwischen.
Es ist eine alte Weisheit, die man Kindern immer wieder predigt: Wer nicht hören will, muss fühlen. Wir haben fast zehn Jahre lang nicht gehört. Das Fühlen könnte kommen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Aber das Fenster wird enger.
Dieser Text ist ein Update. Das ursprüngliche Phlegma von 2018 habe ich verlinkt – wer nachlesen will, wie deprimierend wenig sich geändert hat, kann das dort tun: https://www.arnold-schiller.de/phlegma/
Am 13. Juni 2026, 14:00 Uhr, Landeshauptstädte. Kommt. Bringt Schilder. Bringt Freunde. Bringt vor allem: Euch selbst.

